Buddhismus und Psychologie
Buddhismus und die Psyche: Eine ganzheitliche Perspektive
In der buddhistischen Anschauung wird die Psyche als formbar betrachtet, mit dem Ziel geistiges Leiden zu reduzieren, mehr Gelassenheit zu entwickeln und in eine harmonische Balance zu gelangen.
– Wichtig ist hier der Hinweis, dass der Begriff psychische Gesundheit nicht wie im westlichen Kontext verwendet wird. Psychische Krankheitsformen, die für sich und andere Menschen lebensbedrohlich wirken können, werden von dieser Kategorisierung nicht erfasst.
1. Die buddhistische Sicht auf die Psyche
Die Psyche, als eine dynamische Interaktion von fünf Komponenten:
- der Form – als der physische Körper
- der Empfindung – angenehme, unangenehme oder nicht einordbare Gefühle
- der Wahrnehmung – das Erkennen und Interpretieren von Erfahrungen
- den Geistesformationen – Gedanken, Absichten, Konditionierungen
- dem Bewusstsein – welches sich selbst und Erfahrungen wahrnimmt
2. Die Ursachen für psychisches Leiden
Leiden (Dukkha) wird im wesentlichen durch drei Hauptfaktoren geprägt:
- Die Gier – das Festhalten an Dingen, Erwartungen oder Menschen
- Die Unwissenheit – das Missverstehen der Realität
- Den Hass – die Ablehnung, Ärger und Wut
(– Anmerkung – Die Unwissenheit ist genaugenommen auch ein vorgelagerter Bestandteil der Gier und des Hasses. Unwissenheit wird hier als das Fehlen der klaren Sichtweise verstanden)
3. Der Anspruch einer ganzheitlichen Gesundheit
Es gibt einen Weg mit parallel laufenden Pfaden (den obengenannten 5 Komponenten entsprechend)
Pflege der körperlichen Gesundheit:
- Ernährung: Ein ausgewogenes und gesundes Essen stärkt den Körper und fördert die geistigen Fähigkeiten.
- Körperliche Übung: Regelmäßige Bewegung und Körperpflege erhält die geistige Flexibilität.
- Nicht schädigende Verhaltensweisen: Missbräuchlicher Gebrauch von Drogen, Alkohol und anderen berauschenden Substanzen trüben die Fähigkeit zur Erlangung einer klaren Sichtweise.
Entwicklung emotionaler Gesundheit:
- Gleichmut: Gesunde emotionale Haltung im Alltagsbewusstsein, positive als auch negative Emotionen mit Gleichmut erleben. Emotionen werden nicht ignoriert, sondern mit Weisheit und ohne Überidentifikation beobachtet und eingeordnet.
- Vergebung und Heilung: Festhalten an Groll und negativen Gefühlen führt zu emotionalem Leiden. Loslassen und Vergeben von Vergangenem als Teil eines Heilungsprozesses.
(- Anmerkung – Wichtig – Heilung im buddhistischen Sinne, umfasst hier nicht die Heilung von traumatischen Erlebnissen oder tiefenpsychologische Erkrankungen. Diese waren zur Zeit der Entstehung des Buddhismus nicht als solche erfasst und daher auch nicht Teil der Lehre)
Übungen zur Gesundheit des Geistes:
- Achtsamkeit: Ein achtsamer Geist führt zu größerer Klarheit und innerer Ruhe. Emotionen wie Wut, Gier und Eifersucht werden relativiert, die Konzentration auf Wesentliches wird gestärkt.
- Loslassen von Anhaftung: Das Anhaften an Dingen, Ideen oder Menschen als eine der Hauptursachen für Leid, da dieses Verhalten den ständigen Wechsel und die Vergänglichkeit der Dinge ignoriert..
Erlangung von Gesundheit durch ethisches Verhalten:
- Die Fünf Silas: Die ethischen Richtlinien (nicht-töten, nicht-stehlen, kein sexuelles, schädigendes Verhalten, keine falsche Rede, keine berauschenden Substanzen) sind Grundlagen für ein gesundes und harmonisches Zusammenleben.
- Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen: Verhalten bewusst zu gestalten, indem die Konsequenzen von Taten verstanden werden. Dies gilt für das private Zusammenleben, in der beruflichen Ausübung und im allgemeinen Umgang mit der Natur und anderen lebenden Wesen.
(- Anmerkung – Das hierfür oft verwendete Gesetz des Karma’s, nachdem jede Handlung Konsequenzen zur Folge hat, wird je nach buddhistischer Tradition anders ausgelegt. In der buddhistischen Tradition der Wiedergeburt (später aus der hinduistischen Tradition übernommen) beziehen sich die Konsequenzen auf die nachfolgenden Wiedergeburten. In den ursprünglichen Quellen der Buddha-Reden wird auf die Möglichkeit der Existenz von Wiedergeburt nicht eingegangen, sondern die Tatkraft und Motivation auf eine Linderung des Leids in diesem Leben gelegt. Die karmischen Konsequenzen des ethischen Verhaltens sind somit auf ein Diesseits gerichtet. Das Erreichen des Nirvanas (einer klaren Sichtweise, Erleuchtung) ist daher auch im jetzigen Leben erreichbar. (z.B. Zen-Buddhismus, Dzogchen).
Meditation als Praxis für psychische Gesundheit
- Shamatha (Ruhemeditation) – zur Beruhigung des Geistes.
- Vipassana (Einsichtsmeditation) – Schulung der Klarheit und Erkenntnis über die eigene Psyche.
- Metta (Liebende-Güte-Meditation) – zur Förderung von Selbstliebe und Mitgefühl.
( – Anmerkung – Psychische Gesundheit im buddhistischen Sinne ist ein mehrpfadiger Weg, der Bereiche wie ethisches Verhalten, Achtsamkeitsübungen und die Überwindung der 3 Leidensgifte beinhaltet. Die Meditationspraxis ist ein Teil des Weges, der für sich allein genommen, den Sinn einer ganzheitlichen Gesundheit nicht erfüllen kann)
Spirituelle Gesundheit und Erleuchtung
- Erkenntnis des Dhamma: Ein gesunder Zustand wird als die Erkenntnis der wahren Natur der Realität (die Drei Daseinsmerkmale: Vergänglichkeit, Leidensempfindung, Nicht-Selbst) angesehen. Das Üben und Aufrechterhaltung dieses Bewusstseins ist ein wesentlicher Bestandteil aller buddhistischen Praxen.
- Begriffe, wie Erleuchtung, Nirvana oder klare Sichtweise der wahren Natur tauchen oft als Zielbeschreibung einer vollendeten buddhistischen Praxis auf. Ob dieses Ziel diesseitig, jenseitig, jetzt, zukünftig oder schon bereits vorhanden ist, konnte bisher nicht einheitlich beantwortet werden, da jede buddhistische Tradition, je nach kultureller Herkunft und Prägung davon eigene Vorstellungen hat.
Résumé
Die Frage, ob es den „gesunden“ Praktizierenden in der heutigen Gesellschaft gibt, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Gesund wird im buddhistischen Sinne auch nicht als medizinisch klassifizierbar verstanden, sondern als ein „Gesunden“ mit Hilfe einer mehrpfadigen Praxis, die eine körperliche, geistige und spirituelle Entwicklung beinhaltet. Unser heutiges westlich geprägtes medizinisches Gesundheitsverständnis ignoriert die Vielfalt des Zusammenwirkens der geistigen und körperlichen Komponenten und kann daher dem Anspruch einer gesamtheitlichen Gesundheit auch nicht gerecht werden.

Integration von Psychotherapie und buddhistischen Geistesübungen in westlichen Kulturen
Die Integration von Psychotherapie und buddhistischen Geistesübungen ist ein zunehmend populärer Ansatz, der in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit in der psychotherapeutischen Praxis erhalten hat. Dabei werden Elemente aus buddhistischen Meditationstechniken und Achtsamkeitsübungen mit etablierten psychotherapeutischen Methoden kombiniert, um das psychische Wohlbefinden zu fördern und die Behandlungseffekte zu verstärken.
Aspekte der Integration:
Achtsamkeit und Meditation
- Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) und die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Diese Praktiken helfen, Gedanken und Emotionen zu beobachten, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Achtsamkeit fördert die Fähigkeit, im Moment zu leben und sich nicht in negativen Gedankenmustern zu verlieren.
Akzeptanz und Loslassen
- Die buddhistische Lehre betont das Loslassen von Anhaftungen und das Akzeptieren von Vergänglichkeit. Unangenehme Gedanken und Gefühle zu akzeptieren, anstatt gegen sie anzukämpfen oder sie zu vermeiden, entspricht dem Ansatz der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT).
Mitgefühl und Selbstmitgefühl
- Im Buddhismus ist Mitgefühl ein zentrales Konzept, sowohl für andere als auch für sich selbst. Viele psychotherapeutische Modelle, insbesondere die Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), integrieren Übungen zur Förderung von Selbstmitgefühl, um zu helfen, mit eigenen Fehlern und Schwächen liebevoller und weniger selbstkritisch umzugehen.
Der Mittlere Weg: Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung
- Ein weiteres buddhistisches Prinzip ist der Mittlere Weg, der extreme Positionen vermeidet. In der psychotherapeutischen Praxis bedeutet dies, zu lernen, sowohl Akzeptanz als auch Veränderung in das Leben zu integrieren.
Kurzer Überblick der Therapieansatze
Gestalttherapie
Die Gestalttherapie ist eine humanistische Psychotherapie, 1940er Jahren von Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman entwickelt. Sie konzentriert sich darauf, im Hier und Jetzt bewusst zu sein und eigene Erfahrungen und Gefühle zu erkennen. Ziel ist es, unbewusste Konflikte oder blockierte Emotionen zu erkennen.
- Achtsamkeit und Präsenz: Förderung, Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen im Moment zu erleben.
- Selbstwahrnehmung und Verantwortung: Verantwortung für Verhalten und Entscheidungen erkennen, Vermeidung, äußere Umstände oder andere Menschen für Leiden verantwortlich zu machen.
- Erleben und Ausdruck: Der direkte Ausdruck von Emotionen fördert das Erleben unbewusster Inhalte durch verschiedene Techniken wie das „leere Stuhl“-Verfahren, bei dem mit einem imaginären Gesprächspartner interagiert wird.
Akzeptanz- und Commitment-Therapie
Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) ist eine junge Form der kognitiven Verhaltenstherapie, in den 1980er Jahren von Steven C. Hayes entwickelt. Sie konzentriert sich darauf, Akzeptanz für unangenehme Gedanken, Gefühle und Empfindungen zu entwickeln, anstatt gegen sie anzukämpfen oder sie zu vermeiden. Gleichzeitig fördert ACT, ein Leben zu führen, welches mit persönlichen Werten und langfristigen Zielen im Einklang steht.
- Akzeptanz: Lernen, unangenehme Gedanken und Gefühle zu akzeptieren, ohne sie zu bewerten oder zu verändern.
- Kognitive Defusion: Üben, sich von belastenden Gedanken zu distanzieren, sodass diese weniger Einfluss auf das Verhalten haben.
- Achtsamkeit: Der Fokus liegt auf dem gegenwärtigen Moment, um mehr Bewusstsein für die eigenen Erfahrungen zu entwickeln.
- Verpflichtung zu wertbasiertem Handeln: Identifizierung mit tiefen Werten und Ausrichtung des Handeln danach, auch wenn dies mit schwierigen Gefühlen verbunden ist.
Dialektisch-Behaviorale Therapie
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) wurde in den späten 1980er Jahren von Marsha Linehan entwickelt und ist ebenfalls eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie wurde ursprünglich zur Behandlung von emotional instabiler Persönlichkeitsstörung (insbesondere Borderline-Persönlichkeitsstörung) entwickelt, hat sich jedoch auch für andere psychische Erkrankungen als wirksam erwiesen.
- Dialektik: Basiert auf dem Prinzip der Dialektik, dem Bemühen, scheinbar widersprüchliche Wahrheiten zu integrieren. Akzeptanz der bestehenden Schwierigkeiten, während gleichzeitig Veränderungen angestrebt werden.
- Achtsamkeit: Praxis der Achtsamkeit, Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen im Moment zu beobachten, ohne sofort darauf zu reagieren.
- Emotionsregulation: DBT hilft, intensive und oft überwältigende Emotionen besser zu verstehen und zu steuern.
- Zwischenmenschliche Wirksamkeit: Schulung, gesunde zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, Konflikte zu lösen und sich selbst durchzusetzen, ohne in extreme Verhaltensmuster zu verfallen.
- Akzeptanz und Veränderung: Die Therapie fördert sowohl die Akzeptanz der eigenen Erfahrungen als auch die Fähigkeit, Verhaltensweisen zu verändern, die problematisch sind.

Auszüge aus dem „Buddhismus Aktuell“ Magazin 2019 zu diesem Thema:
Ich, meine Gefühle und meine buddhistische Praxis
Ein Beitrag von Dr. med. Ulrich Küstner , veröffentlicht in der Ausgabe 2019/1 Wachsen unter der Rubrik wachsen.
Als heutige Menschen denken wir psychologisch – wir kennen es nicht anders. Befreiungswege wie die buddhistische Meditation untersuchen jedoch grundlegende Funktionen des Bewusstseins, nicht seine Inhalte. Wir wollen mithilfe der Meditation unser Leben verbessern: mit unseren Emotionen zurechtkommen, alte Muster überwinden, anderen mit mehr Mitgefühl begegnen, „das Ich überwinden“, etwas „loslassen“. Eine solche Beschäftigung mit unseren Gedanken und Handlungsmustern, mit unserer Emotionalität und unseren Beziehungen ist aber keine buddhistische Meditation im eigentlichen Sinne. Und sie erzeugt viele Missverständnisse. Solange wir die meditative Meta-Ebene nicht kennen und verstehen, machen wir „Psychotherapie auf dem Kissen“. Es scheint, als erschwerten gerade die modernen Versuche, uns den Dharma durch eine psychologische Sprache verständlicher zu machen, den Zugang zu seinen weitergehenden Zielen und subtileren Inhalten.
Der Triumph des Therapeutischen
Wir leben heute in einer Welt, in der das Therapeutische triumphiert hat. Das Therapeutische ist der Schauplatz, wo wir uns als Individuen mit Wünschen, Bedürfnissen und Begehren erfinden. Das therapeutische Denken ist auch ein kulturelles Bezugssystem, an dem sich unsere Selbstwahrnehmungen und die Vorstellungen, die wir uns von anderen machen, ausrichten. So beschreibt es die Soziologin Eva Illouz in Die Errettung der modernen Seele. Das therapeutische Denken nimmt, ihr zufolge, eine reflexive Haltung gegenüber Gefühlen ein und besteht darauf, dass die Regeln, denen der Ausdruck der Gefühle unterliegt, reflexiv gelernt werden müssen. Es schafft neue psychologische Ideale der Selbsterfüllung. Wer hinter ihnen zurückbleibt, wird als krank definiert. Wer keine schöpferische, sich selbst voll verwirklichende Person ist, ist gestört, neurotisch. Und das sind plötzlich die meisten Menschen! Das ist die Grundlage für die ungeheure öffentliche Wertschätzung der Psychologie und Therapie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Inzwischen sind Heilung und Wohlbefinden noch umfassendere Ansprüche geworden: Glück und Gesundheit, Fitness, Schlankheit, Wohlergehen und Wellness werden zur moralischen Forderung, zu einer Ideologie: Wenn du nicht gesund und glücklich bist, bist du ein schlechter Mensch, und daran bist du selbst schuld.
Die therapeutische Kultur, deren wichtigste Mission Heilung ist, erzeugt eine narrative Struktur, in der das Selbst durch sein Leid und seine Opferrolle definiert ist. Sie begreift Lebensereignisse als Anzeichen für verpasste oder vereitelte Gelegenheiten zur Selbstentwicklung. Das Ziel dieser Geschichte bestimmt sowohl die Auswahl der Ereignisse, mit denen sie erzählt wird, als auch die Art und Weise, wie diese Ereignisse als Bestandteile der Erzählung verknüpft werden.
Alles wird im Rahmen dieser therapeutischen Erzählung, einer Leidensgeschichte, gesehen. Dabei rücken Emotionen und deren Reflexion ganz in den Vordergrund.
Der westliche Buddhismus bewegt sich heute zu einem großen Teil innerhalb dieses Rahmens der Selbsthilfe und des therapeutischen Diskurses und wird von dessen fast imperativen Forderungen stark beeinflusst. Dabei wird suggeriert, dass unsere eigenen Interessen und Ziele mit denen des Buddhismus übereinstimmen. Das wirkt auch deshalb so plausibel, weil unsere Praxis oft von einem Gefühl des Mangels, eines persönlichen Makels oder Defekts motiviert ist. Der Zen-Lehrer Barry Magid nennt das „unsere geheime Praxis“, die von „Heilungsfantasien“ geleitet sei.
Wie kommt das therapeutische Denken in den Buddhismus?
In der frühen Neuzeit gab es in vielen traditionell buddhistischen Ländern Zeichen der Ermüdung und des Niedergangs. Die Klöster in Asien wurden immer größer, aber die Zahl der intensiv Meditierenden sank. Die Wiederbelebung der buddhistischen Praxis im 19. Jahrhundert ging oft von solchen asiatischen Lehrern aus, die bereits Kontakt mit dem Westen hatten. Was wir heute als „den Buddhismus“ sehen, entstand aus den Begegnungen lokaler Formen mit dem Westen durch den Kolonialismus. Selbst die Formen und Lehrer, die wir als „traditionell“ empfinden, sind bereits Kinder dieser Begegnungen mit der Aufklärung, der Wissenschaft, dem Protestantismus, der Romantik, der Psychotherapie und dem therapeutischen Denken. Bekannte asiatische Lehrer des 20. Jahrhunderts, die uns scheinbar den originalen Buddhismus brachten, lehrten bereits solche Hybride, zum Beispiel Daisetz Suzuki, Chögyam Trungpa, Thich Nhat Hanh, und viele Vipassana-Lehrer.
Daniel Goleman berichtet folgende Anekdote: Im Jahre 1975 hatte Chögyam Trungpa Rinpoche ihn in ein Restaurant in Massachusetts eingeladen, um von seinen Plänen für das Naropa-Institut zu erzählen. Irgendwann im Gespräch lehnte er sich mit verschwörerischer Miene über den Tisch, schaute ihm in die Augen und sagte mit großem Nachdruck: „Der Buddhismus wird in den Westen als eine Psychologie kommen.“
Und so ist es auch geschehen. Eine ganze Generation von Dharma-Lehrern seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat den Buddhismus im Westen in psychologischen Begriffen vermittelt. Viele von ihnen haben zusätzlich zu ihrer Schulung als Meditationslehrer auch psychotherapeutische Ausbildungen gemacht.
Trungpa selbst hat maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen. Die klassische buddhistische Psychologie beschrieb er in Begriffen der westlichen Psychologie. So sprach er beispielsweise nicht mehr von den kleshas, sondern von „unserer Neurose“. Sein berühmtes Naropa-Institut in Boulder, Colorado war maßgeblich an der Entwicklung therapeutischer Formen des Buddhismus beteiligt. Dort lehrten zu verschiedenen Zeiten viele der heute bekannten westlichen Dharma-Lehrer. In diesem Umfeld des „Dharma als Psychologie“ ist auch die Achtsamkeitsbewegung entstanden, die sich vorwiegend auf die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Effekte der Achtsamkeit konzentriert.
Daran ist nichts falsch. Hier geht es nicht gegen therapeutische Ziele oder die Psychotherapie! Eine gewisse Stabilität, eine pragmatische Selbstsorge ist Grundvoraussetzung für einen Weg. Und dazu gehört oft auch die Psychotherapie. Gerade wenn es um Gefühle von Mangel und Ungenügen geht. Zu viele Menschen wenden sich der Meditation zu, wenn sie eigentlich Therapie bräuchten, und chronifizieren damit ihre Fehlhaltungen und Abwehrmechanismen. Ohne ein gut funktionierendes, integriertes Ich (im therapeutischen Sinne) ist der Schritt zur Erfahrung von Leerheit und Nicht-Ich (im meditativen Sinne) entweder gar nicht möglich, gefährlich oder zumindest nicht lange aufrechtzuerhalten.
Wir sollen auch nicht unseren Gefühlen und menschlichen Beziehungen entsagen, sondern nur dem Missverständnis, sie wären das vorrangige Ziel und der Gradmesser unseres buddhistischen Wegs. Wenn die psychologischen Voraussetzungen ausreichend erfüllt sind, eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Dazu gilt es aber, die Andersartigkeit der Aufgabe zu verstehen.
Das Verschwinden der Befreiungsziele
Das therapeutische Modell ist als Rahmen für eine buddhistische Praxis nur mit Einschränkungen geeignet. Es lässt einen großen Teil des eigentlichen Dharma gleichsam verschwinden, weil es für ihn in diesem Modell gar keine geeignete Sprache gibt. Wenn wir psychische, emotionale oder soziale Leiden als das sehen, was es durch die buddhistische Praxis zu überwinden gilt, verlieren wir nicht nur deren weitergehende Ziele aus den Augen, sondern können auch ihre Methoden nicht richtig einordnen.
Die Verortung des modernen Buddhismus im „immanenten Rahmen“ (Charles Taylor; siehe auch den Beitrag von Bhikkhu Bodhi in BUDDHISMUS aktuell 4/18) suggeriert uns, dass die Buddhalehre vom „Leiden und Ende des Leidens” mehr oder weniger dasselbe Ziel beschreibe wie das Überwinden des alltäglichen Leidens durch Therapie. Alles, was darüber hinausgeht, wird als „transzendent“, „religiös“, „traditionell“ gesehen und somit für den modernen Menschen als unzugänglich oder irrelevant. Aber dort beginnt eigentlich erst das, was am Buddhismus spezifisch und wertvoll ist.
Intensive Emotionalität ist keine Befreiung
Der Buddha spricht von drei Arten des Leidens. Das Leiden innerhalb unseres therapeutischen Narrativs, unsere Leidensgeschichte, gehört zur ersten, gröbsten Form. Eine zweite, tiefere Schicht ist das Leiden an Wandel und Vergänglichkeit. Bis zu diesem Punkt brauchen wir die spezifischen Sichtweisen und Methoden des buddhistischen Dharma nicht unbedingt. Diese offenkundigen Themen sind unserer westlichen Psychotherapie und Philosophie zugänglich und werden in ihnen vielfältig bearbeitet.
Die spezifische Botschaft und Stärke des Dharma bezieht sich auf die dritte Art des Leidens, dukkha, das grundlegend Unbefriedigende, die nie wirklich zufriedenstellende und auf Dauer glücklich machende Grundeigenschaft des Weltlebens und unseres Alltagsbewusstseins. Dukkha ist ein tiefverwurzelter Prozess in unserem Bewusstsein, zusätzlich zu dem, was uns aus der äußeren Welt zustößt. Seine zentrale Ursache ist das Anhaften an einem Ich-Erleben und unsere fehlende Erkenntnis, wie die Dinge wirklich sind.
Wir meinen oft, dieses „Anhaften“, von dem der Dharma spricht, sei etwas, das wir wie eine Emotion verstehen und beeinflussen könnten. So etwa wie: „Ich muss das Anhaften an meinen Expartner auflösen.“ Unser normales Alltagsbewusstsein (buddhistisch: samsara) ist aber gerade durch diesen Haftmechanismus konstituiert und definiert. Das „Anhaften“ der buddhistischen Psychologie beschreibt eine uns unsichtbare, grundlegende Funktion des Bewusstseins, nicht nur deren erlebte Auswirkungen, die wir psychologisch verstehen und beeinflussen können. Leiden im Sinne von Dukkha tun wir demnach nicht, weil unser Alltagsbewusstsein Emotionen und Schwierigkeiten erlebt, sondern weil wir uns im Alltagsbewusstsein befinden! An den Schwierigkeiten und Emotionen zu arbeiten führt zu Leidminderung, aber nicht über die Ebene hinaus, auf der das Leiden immer wieder entsteht.
Emotionen sind den heutigen Menschen sehr wichtig. „Die moderne Obsession für das intensive Leben“, nennt es der Philosoph Tristan Garcia. Immer wieder beschäftigt uns die Frage: Fühle ich genug, lebe ich intensiv genug? Emotionen erzeugen aber auch das Gefühl eines (leidenden) Subjekts im Mittelpunkt unserer Welt. So wie unsere Gedanken immer sagen: „Denk mich, ich bin wichtig“, sagen unsere Gefühle: „Ich bin wichtig für dein Leben! Ich, dein Ärger, deine Angst, deine Abneigungen, deine Liebe, deine Frustration – wir sagen dir etwas Wichtiges!“
Dieses zwanghafte Sich-beherrschen-Lassen von Gedanken und Gefühlen ist eine Ursache unserer Unfreiheit. Ein großer Teil unserer Emotionalität, die wir als „normal“, gar „gesund“ sehen und die uns so wichtig ist, wird in der buddhistischen Psychologie als Kleshas, als eine Ursache des Leidens gesehen.
Hier gibt es viel Verwirrung. Beliebt ist die Fantasie von „Tantra“: die Idee, dass wir gleichzeitig ein intensives und emotionales Leben führen und uns in buddhistisch-meditativer Weise von den Kleshas, den gefangenhaltenden Leidenschaften befreien könnten – um dann noch leidenschaftlicher zu leben! Das ist kein Vajrayana, sondern ein typisch romantischer Topos. Zugrunde liegt eine Prä-Trans-Verwechslung, wie Ken Wilber das genannt hat. Starke Emotionen als Teil des Wegs zu nutzen ist eine Übung für weit Fortgeschrittene. Dazu muss eine ausgewogene menschliche Emotionalität und eine gute Ich-Funktionalität mit ethischer Disziplin und Selbstbeherrschung als Basis für den buddhistischen Weg erst einmal erreicht sein.
„Das volle Leben“ ist keine Fragestellung, die die Buddhisten der letzten 2 500 Jahre in irgendeiner Weise beschäftigt hat. Sie gingen von der gegenteiligen Grundannahme aus: dass ihre verwirrte, gierige und aggressive Emotionalität sie gefangen halte, in die Irre und ins Leiden führe.
Das Erwachen des Buddha verweist darüber hinaus auf eine andere Dimension, die aber nur scheinbar „transzendent“ ist. Es geht um eine andere Art des Wahrnehmens und Erlebens. Das kann man in ein religiöses, transzendentes Narrativ stellen – muss man aber nicht!
Narrativwechsel
Tibetische Lehrer sagen dazu schlicht, wir müssen ein chödpa werden, eine Dharma-Person. Jemand, der sich und sein Leben unter eine andere Sicht, in einen anderen Kontext stellt. Statt im therapeutischen Narrativ in ein Yogi-Narrativ oder ein Bodhisattva-Narrativ. Das klingt seltsam und wir fremdeln mit vielen der verwendeten Begriffe.
Das beginnt schon mit der „Entsagung“. Dieser Begriff erzeugt unter westlichen Übenden regelmäßig laute Proteste. Entsagung ist höchst unmodern. Wir wollen ja immer alles (und das gleich). Aber eigentlich geht es ganz banal um eine Zielwertklärung, im Bewusstsein um die Begrenztheit unserer Lebenszeit und unserer Ressourcen. Entsagung meint in diesem Sinne eine notwendige Abkehr von unseren ständigen Ablenkungen und unserer Geschäftigkeit, eine Ent-Täuschung von unserer üblichen Weise, uns als Zentrum der Welt zu sehen. Es geht gerade nicht darum, unsere üblichen Wünsche und Bedürfnisse beizubehalten und bloß den Buddhismus vor ihren Karren zu spannen!
In diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Wahrheit“ vom Leiden auch eine motivationale Struktur. Das Erkennen des Unbefriedigenden an unserem üblichen Denken dient dazu, uns aus der diskursiven Beschäftigung mit den Alltagsgedanken herauszulösen, um freie Zeit und Energie zu bekommen. Das Leiden ist auch eine Mitteilung darüber, wie viel besser der erwachte Geisteszustand wäre.
Wir lassen für uns eine andere Erfahrungsmöglichkeit, die nötige Qualität unserer Erfahrung, einen zunehmend größeren Wert einnehmen. Dass wir Hingabe an diese Qualität entwickeln, sie kultivieren, ist mit „Zuflucht“ gemeint. Und dass es uns wichtig wird, dass andere diese Erfahrung auch machen können, sind Mitgefühl und Bodhicitta, der Geist des Erwachens. Das ist zwar außerhalb des Rahmens, in dem wir uns im Alltag und im psychologischen Denken üblicherweise bewegen, aber letztlich weder transzendent noch religiös. Vielleicht ist es Mystik – aber das ist auch so ein schwieriges Wort.
Ulrich Küstner, Dr. med., Facharzt für Pneumologie und Psychotherapeut für Verhaltenstherapie. Beschäftigung mit dem Buddhismus seit 1973, Schüler von Akong Rinpoche seit 1978. Therapeut und Ausbilder in Tara Rokpa-Therapie. Gründungsmitglied der AG „Buddhismus und Psychotherapie“ der Buddhistischen Akademie und Mitausrichter der jährlichen Tagungen seit 2002.
Bücher zum Thema
Buddhistische Psychologie: Grundlagen und Praxis
Tilmann Borghardt und Wolfgang Erhardt bieten in diesem Werk eine umfassende Einführung in die Grundlagen und Anwendungen der buddhistischen Psychologie. Das Buch enthält zahlreiche Fallbeispiele und Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene. Es verbindet traditionelle buddhistische Praktiken wie Gewahrseinsschulung, Meditation und Mitgefühlsübungen mit psychotherapeutischen Methoden aus Verhaltenstherapie, Psychosynthese, Focusing und Gestalttherapie.

Die Heilkraft buddhistischer Psychologie
Thich Nhat Hanh lädt in diesem Buch dazu ein, den eigenen Geist kennenzulernen und zu verstehen, wie er funktioniert. Er zeigt auf, wie man den Geist nutzen kann, um mehr Frieden, Freude und Glück im Hier und Jetzt zu erfahren. Das Werk ist in 50 Verse gegliedert, die Schritt für Schritt die Arbeitsweise des menschlichen Geistes vermitteln und den Leser zu mehr geistiger Klarheit anregen.

Wege zum Gleichgewicht – Höhere Bewusstheit, Selbstheilen und Meditation
Tarthang Tulku bietet in diesem Buch eine lebensnahe Anleitung zu Selbstheilung und Meditation. Er lehrt, Bewusstheit zu kultivieren, kreativ mit Gedanken und Emotionen umzugehen sowie geistige, emotionale und körperliche Energien auszugleichen. In einfacher und direkter Sprache zeigt er, wie wir mit unseren eigenen positiven Energien in Kontakt treten und inneres Vertrauen gewinnen können.

Buddhistische Psychologie
Herbert V. Günther bietet in diesem Buch eine tiefgehende Analyse der buddhistischen Psychologie und ihrer Anwendung im täglichen Leben. Er untersucht die philosophischen Hintergründe und die praktischen Aspekte dieser Disziplin.

Matthias Ennenbach
Dr. Ennenbach ist Diplom-Psychologe, promovierter Mediziner und approbierter Psychotherapeut. Er hat die Konzepte der Achtsamen Selbststeuerung (ASST®) und der Buddhistischen Psychotherapie (BPT®) entwickelt. Zu seinen Werken zählen:
Buddhistische Psychotherapie: Ein Leitfaden für heilsame Veränderungen
Buddhistische Psychotherapie in der Anwendung

Psychotherapie und buddhistisches Geistestraining: Hilfreiche Erkenntnisse für die praktische Arbeit
Dieser Fachartikel im Deutschen Ärzteblatt untersucht die Integration von Psychotherapie und buddhistischen Geistesübungen. Er richtet sich an erfahrene Psychotherapeuten und beleuchtet das spezielle Wahrnehmen verschiedener Bewusstseinszustände.


Fragestellung: Übertragungsmöglichkeiten monastischer Praktiken auf den Laien Alltag
Praxis: Mönche versus Laien / Ziele der Praxis
- Mönche und Nonnen widmen ihr Leben vollständig der Praxis des Buddhismus. Ziel ist es zusätzlich, die Tradition des Klostern zu bewahren und weiterzuführen. Ein Lebensstil, der den Tag mit Meditation, Studium buddhistischer Schriften und Ritualen strukturiert.
- Laien: Praxis innerhalb des täglichen Lebens, neben weltlichen Verpflichtungen, Familie, Arbeit. Die Praxis ist in den Alltag integriert.
Verpflichtungen und Regeln
- Mönche und Nonnen folgen den Regeln des Vinaya, einem Kodex, der das monastische Leben bestimmt. Dazu gehört die Entsagung von weltlichen Vergnügungen, das Leben in Gemeinschaft (Sangha) und die Konzentration auf Meditation und Studium. (z.B. bis zu 227 Regeln in Ländern des Theravada Buddhismus und vollständige Fremdversorgung durch die Bevölkerung)
- Laien sind nicht verpflichtet, dem gleichen Kodex zu folgen, halten sich an die Fünf Silas (ethische Richtlinien): Nicht töten | Nicht stehlen | Kein sexuelles Fehlverhalten | Keine falsche Rede (Lügen, Verleumdung, etc.) | Keine berauschenden Substanzen (Alkohol, Drogen).
Meditation
- Für Nonnen und Mönche ist Meditation zentraler Bestandteil der Praxis. Je nach Tradition und Linie betrifft dies Vipassana, Samatha, Metta und Vajrayana-Praktiken.
- Laien praktizieren Meditationen in kürzeren Sitzungen und als Teil einer täglichen Routine. Meditation wird als Mittel zur geistigen Klarheit, inneren Ruhe und als Werkzeug zur Überwindung von Stress und Leid im Alltag genutzt.
Studium und Lehre
- Nonnen und Mönche konzentrieren sich auf das Studium der buddhistischen Schriften (z. B. die Pali-Kanon, Sutras und Kommentare). Sie sind je nach Tradition verantwortlich für die Vermittlung von Lehrinhalten und die Anleitung der Laien in der Praxis.
- Laien studieren die Lehren Buddhas auf einer grundlegenderen Ebene. Ihre Praxis kann sich gezielter auf die Umsetzung der ethischen und meditativen Prinzipien im Alltag konzentrieren.
Gesellschaftliche Rolle
- Nonnen und Mönche leben überwiegend isoliert in Klöstern, ziehen sich von der weltlichen Gesellschaft zurück. Sie können eine Rolle als spirituelle Lehrer und Berater einnehmen.
- Laien haben eine aktive Rolle in der Gesellschaft und können in der Familie und im Berufsleben buddhistische Prinzipien anwenden. Sie tragen zur Unterstützung der Mönche und der buddhistischen Gemeinschaft bei.
Rituale und Feste
- Nonnen und Mönche führen regelmäßig Rituale und Zeremonien durch, sowohl für die Gemeinschaft als auch für sich selbst. Diese können Meditation, das Rezitieren von Sutras, das Halten von Predigten und andere spirituelle Praktiken umfassen.
- Laien nehmen an religiösen Ritualen teil, in der Regel als Teil der Gemeinschaft, nicht als führende Praktizierende.
Gemeinsamkeiten in der Praxis:
- Nonnen, Mönche und Laien streben nach der Überwindung von Gier, Hass und Verblendung.
- Sie praktizieren ethisches Verhalten, Meditation und Weisheit (die „Drei Übungspunkte“ des Buddhismus).
- Sie sind Teil einer Sangha (Gemeinschaft), die einen wichtigen Bestandteil des buddhistischen Lebens darstellt.
Résumé:
- Die Übertragbarkeit klösterlicher Strukturen und Rituale, ist streng gebunden an die Linienzugehörigkeit und Tradition eines Klosters. Die Linienhalter und Gründer sind ihrer Tradition und ihren historischen Ahnen-, Reinkarnationsketten verpflichtet. Diese werden mit ihrer Auslegung buddhistischer Texte und integrierter kultureller Interpretation als verbindlich angesehen.
- Machtpolitische Einflüsse feudalistischer Herrschaftsformen in den letzten Jahrhunderten haben zusätzlich zu dogmatischen Übertragungen buddhistischer Inhalte und Rituale geführt. Verfeindungen verschiedener Linien und die Einführung als Staatsreligion mit klerikalen Herrschaftsformen hatten eine weitere Entfremdungen zu Folge.
- Die Quellen der ursprünglichen Aussagen Buddhas in diesen Konstrukten wiederzuentdecken, heißt, sich durch die kulturellen und konstitutionellen Überbauten durchzuarbeiten. Rezitationen und Rituale aus östlichen Kulturen und deren Sprache und Interpretationen zu übernehmen, ohne die historischen Quellen zu kennen, ist nicht im Sinne einer ursprünglichen buddhistischen Praxis Intention.
- So wie jedes Land seine eigene Form der buddhistischen Praxis entwickelt hat, ist es auch für die westliche Gesellschaft notwendig, eine eigene Praxis zu entwickeln. Dabei ist jede dogmatische Auslegung zu vermeiden. Die Integration der Geisteswissenschaften ist ebenso sinnvoll, wie die aktuellen ökologischen und ökonomischen Vorgaben zu berücksichtigen und einzuarbeiten.
- Weite Teile der buddhistischen Ethik sind bereits gesellschaftlich etabliert, wissenschaftliche Erkenntnisse über die unterschiedlichen Formen des Seins decken sich mit Beobachtungen der buddhistischen Leere-Theorie. Die Achtsamkeitspraxis ist Grundlage vieler therapeutischer Ansätze, die Metta-Praxis ist in anderen religiösen Systemen und karikativen Organisationen ebenfalls präsent.
- Wesentliches spezifisches Merkmal der buddhistischen Philosophie und Praxis bleibt
– der Anspruch auf ein verantwortliches Handeln sich selbst, den Mitmenschen und anderen lebenden Wesen gegenüber (Metta).
– die Schulung des eigenen Geistes und Entwicklung von Weisheit (Vipassana).
– das Streben nach harmonischen Lebensumständen in der Sangha, den Mitmenschen und Lebewesen (Shamatha).
– eine Praxis, die nicht an Klöster oder Linien gebunden ist, sondern sich an gesellschaftlichen Entwicklungen und diesseitigen Problemlösungen orientiert.
– Rituale, welche eine Praxis unterstützen, ohne zur inhaltsleeren Routine zu werden.
– und die Hoffnung, dass sich das humane Potential eines jeden Menschen zum Nutzen aller lebenden Wesen entwickelt.
mit herzlichen Grüßen
Stefan Lachmann
