Wohngemeinschaften
bieten Kostenersparnis, soziale Kontakte und oft auch mehr Alltagshilfe. Es gibt klassische WGs, Zweck-WGs, Studenten-WGs, Senioren-WGs sowie pädagogische, therapeutische und gemeinschaftsorientierte Wohnformen.
Vorteile einer WG
- Miete und Nebenkosten werden geteilt, deutliche Wohnkostensenkung.
- Schneller soziale Kontakte und man fühlt sich in einer neuen Stadt oft weniger allein.
- Alltagshilfe ist leichter verfügbar, beim Kochen, Lernen, Geld ausgeben oder anderen praktischen Tätigkeiten.
- Gemeinschaft kann den Wohnalltag lebendiger machen, gemeinsame Abende, gegenseitige Unterstützung und Anregungen.
Mögliche Probleme
- Es gibt weniger Privatsphäre als in einer eigenen Wohnung.
- Konflikte entstehen oft durch Lärm, Nutzung von Bad und Küche, Kühlschrank-Inhalten und Abrechnung von Kosten.
- Unterschiedliche Tagesrhythmen und Gewohnheiten können die Resilienz belasten.
- Wer viel Ruhe braucht, kann sich in einer WG gestört fühlen.
WG-Formen
- Klassische WG: Mehrere Personen teilen sich eine Wohnung, oft mit Bad, Küche und Hausflur.
- Zweck-WG: Der praktische Nutzen steht im Vordergrund, etwa bei Studierenden oder Berufstätigen.
- Senioren-WG: Gemeinsames Wohnen im Alter, oft mit stärkerem Fokus auf Entlastung, Gemeinschaft und Krankheitsberichten.
- Pädagogische oder therapeutische WG: Betreute Wohnformen mit zusätzlicher sozialer oder therapeutischer Unterstützung.
- Cluster- oder Hausgemeinschaften. Jede Person hat mehr eigenen Raum, teilt aber Gemeinschaftsflächen oder sogar nur das Haus.
Spirituelle und buddhistische WGs
sind oft etwas anders, neben dem Wohnen sind auch Praxis und gemeinsame Haltung wichtig. In buddhistischen Gemeinschaften können Meditation, Studium, Rituale und gemeinsame Abende Teil des Alltags sein, sie sind damit meist stärker auf gemeinsames Üben ausgerichtet als eine normale WG. Verbindliche Regeln in spirituellen WGs funktionieren meist wie eine Mischung aus normalem WG-Alltag und gemeinsamer Praxis: Ein Teil betrifft den Alltag, ein anderer die spirituelle Ausrichtung.
Modelle für spirituell orientierte Menschen 60+
- Hausgemeinschaft, wenn man viel Eigenständigkeit will, aber dennoch regelmäßige Gemeinschaft sucht.
- WG, wenn man echtes Zusammenleben, gemeinsame Mahlzeiten und mehr Alltagsnähe möchte.
- Service-Wohnen mit Gemeinschaftsraum, wenn Spiritualität wichtig ist, man aber lieber in einer eigenen abgeschlossenen Wohnung lebt.
- Generationenübergreifendes Wohnen, wenn der spirituelle Fokus offen und sozial ist und Austausch mit Jüngeren gewünscht wird.
Spirituelle Besonderheiten
Wenn Spiritualität zentral ist, sollte die WG mehr als nur gemeinsames Wohnen sein. Sinnvoll sind klare Vereinbarungen zu Achtsamkeit, Respekt, Lärm, Besuch, Essensformen und gemeinsamen Zeiten. Die Gemeinschaft bleibt tragfähig, ohne in Überforderung oder Zwang umzuschlagen.
Der/die ideale Wohngemeinschafts-Mitbewohner:in
Ein guter Mitbewohner, eine gute Mitbewohnerin ist meist nicht der lauteste, witzigste oder sozialste Mensch, sondern jemand, der den Alltag stabil mitträgt. Dazu gehören Verlässlichkeit bei Miete und Rechnungen, ein respektvoller Umgang mit gemeinschaftlichen Räumen, sowie die Bereitschaft, Absprachen einzuhalten.
Praktisch heißt das:
- ordentlich genug, ohne perfektionistisch zu sein.
- kommunikativ, wenn etwas stört.
- kompatibel bei Schlafrhythmus, Besuch, Lärm und Sauberkeit.
- eigenständig im Haushalt.
- respektvoll gegenüber Privatsphäre und Grenzen.
Im Gespräch sollte man weniger nach „Sympathie“ im abstrakten Sinn fragen, sondern nach konkreten Alltagsmustern. Wichtige Themen sind Sauberkeit, Lärm, Besuchsregeln, Arbeits- oder Studienrhythmus, finanzielle Stabilität und bisherige WG-Erfahrung.
Red Flags beim WG-Casting
- Die Person wirkt ausweichend bei Fragen zu Miete, Regeln oder Putzplan. Hinweis auf spätere Konflikte bei Geld oder Verantwortung.
- Sie spricht abwertend über frühere Mitbewohner. Kann auf geringe Konfliktfähigkeit oder fehlende Selbstreflexion hindeuten.
- Sie macht vage oder übergroße Zusagen, etwa beim Putzen, Kochen oder bei Gemeinschaftsaktivitäten, die später kaum gehalten werden.
- Sie zeigt wenig Interesse an der WG und stellt kaum Rückfragen. „Nur irgendein Zimmer“ statt echtes Zusammenleben.
- Sie respektiert Grenzen schon im Gespräch nicht, etwa durch plumpe Flirts, Grenztests oder dominante Selbstdarstellung.
Praktisch hilfreich ist auch, auf Kleinigkeiten zu achten:
Fragt die Person nach der WG oder redet sie nur über sich?
Nimmt sie Rücksicht auf den Ton im Gespräch?
Kann sie sagen, was ihr im Zusammenleben wichtig ist?
Reagiert sie gelassen auf Nachfragen?
Die stärksten Warnsignale sind meist nicht „schlechte Vibes“, sondern mangelnde Verbindlichkeit, mangelnde Rücksicht und mangelnde Ehrlichkeit. Wenn bei Geld, Sauberkeit, Besuch oder Kommunikation schon im Casting Nebel herrscht, wird das im Alltag meist nicht besser.
Ein WG-Casting-Protokoll könnte so aussehen
Kandidat:in
Name:
Datum:
Zimmer / WG:
Kontakt:
Erste Eindrücke
Pünktlich? ☐ ja ☐ nein
Auftreten passend? ☐ ja ☐ eher ja ☐ eher nein ☐ nein
Wirkt interessiert? ☐ ja ☐ eher ja ☐ eher nein ☐ nein
Macht ehrliche, klare Aussagen? ☐ ja ☐ eher ja ☐ eher nein ☐ nein
Alltag und Rhythmus
Beruf / Studium / Tätigkeit: _
Tagesrhythmus: _
Wie oft zu Hause? _
WG-Erfahrung: _
Hobbys und Freizeit
Hobbys / Interessen: _
Wie verbringst du deine Freizeit? _
Gibt es Aktivitäten, die du mit der WG teilen würdest? _
Eher gemeinschaftlich oder eher individuell? _
Sauberkeit und Haushalt
Sauberkeit wichtig? ☐ hoch ☐ mittel ☐ niedrig
Haltung zu Putzplan: ☐ ja ☐ offen ☐ eher nein ☐ nein
Küche / Bad / Müll: _
Besondere Gewohnheiten: _
Ruhe und Besuch
Lärmempfindlichkeit: ☐ hoch ☐ mittel ☐ niedrig
Besuch häufig? ☐ ja ☐ gelegentlich ☐ selten
Übernachtungsgäste: _
Umgang mit Ruhezeiten: _
WG-Events und Gemeinschaft
Wie wichtig sind dir gemeinsame WG-Aktivitäten?
☐ sehr wichtig ☐ eher wichtig ☐ eher unwichtig ☐ unwichtig
Welche Form magst du?
☐ gemeinsames Kochen ☐ Spieleabend ☐ Filmabend ☐ Ausflug ☐ Party ☐ nichts Regelmäßiges
Wie oft wäre für dich passend?
☐ wöchentlich ☐ 2x im Monat ☐ monatlich ☐ selten ☐ gar nicht
Wie stehst du zu spontanen Aktionen? _
Was ist für dich bei WG-Events wichtig?
☐ vorher ankündigen ☐ freiwillige Teilnahme ☐ Ruhezeiten beachten ☐ Aufräumen danach ☐ klare Endzeit
Besuch und externe Gäste
Wie gehst du mit Gästen um?
☐ offen ☐ eher offen ☐ eher zurückhaltend ☐ streng geregelt
Wie viele Gäste sind für dich noch entspannt?
Übernachtungsgäste:
☐ kein Problem ☐ nach Absprache ☐ selten ☐ nicht erwünscht
Ab wann wird Besuch für dich zu viel? _
Was wäre für dich ein No-Go? _
Geld und Verbindlichkeit
Miete finanziell sicher? ☐ ja ☐ wahrscheinlich ☐ unklar
Umgang mit gemeinsamen Kosten:
Verlässlichkeit insgesamt: ☐ hoch ☐ mittel ☐ unklar ☐ niedrig
Kommunikation und Konflikte
Spricht Probleme direkt an? ☐ ja ☐ eher ja ☐ eher nein ☐ nein
Wirkt respektvoll? ☐ ja ☐ eher ja ☐ eher nein ☐ nein
Konfliktverhalten: _
Haustiere
Haustiere vorhanden oder geplant?
☐ nein ☐ ja, vorhanden ☐ ja, geplant ☐ unklar
Wenn ja, welche Tiere? _
Wäre das für die WG grundsätzlich okay?
☐ ja ☐ nach Absprache ☐ eher nein ☐ nein
Allergien oder Ängste in der WG bekannt? _
Wer kümmert sich im Alltag? _
Wer übernimmt Versorgung bei Abwesenheit? _
Wichtige Punkte bei Haustieren:
☐ Sauberkeit ☐ Ruhe ☐ Kosten ☐ Verantwortung ☐ Rücksicht auf Mitbewohner
Gerade bei Hunden oder Katzen ist es sinnvoll, die Zustimmung aller Mitbewohner und die praktische Alltagstauglichkeit zu klären, statt das Thema offen zu lassen. Kleintiere sind oft einfacher, aber auch hier sollten Platz, Hygiene und Rücksicht besprochen werden.
Gesamteinschätzung:
Passung zur WG: ☐ sehr gut ☐ gut ☐ offen ☐ eher nicht ☐ nein
Entscheidung: _
Bemerkung:
Gemeinschaftsprofil der WG:
☐ eher ruhig ☐ gemischt ☐ sozial ☐ sehr gemeinschaftlich
Passung zu unserem Stil:
☐ sehr gut ☐ gut ☐ offen ☐ eher nicht
Strategien zur Konfliktlösung in WG`s
Früh ansprechen, nicht aufstauen lassen, sondern zeitnah und höflich benennen.
Ich-Botschaften nutzen. Statt „Du machst immer Chaos“, besser: „Ich habe den Eindruck, dass die Küche oft ungeputzt bleibt und mich belastet das sehr“.
Sachlich bleiben. Problem und Person trennen, damit nicht aus einem Haushaltsproblem ein persönlicher Angriff wird.
Perspektivwechsel. Was könnte die andere Person gerade stressen, überfordern oder motivieren? Das hilft, Reaktionen besser einzuordnen.
Gemeinsam Lösungen suchen die für beide praktikabel sind.
Es knirscht
Wenn ein Thema verfahren ist, hilft oft ein separates Gespräch mit ruhiger Atmosphäre und einem konkreten Ziel: ein Punkt, eine Lösung, eine Vereinbarung. Es kann auch helfen, den Konflikt schriftlich zu strukturieren: Was ist das Problem, was ist das Bedürfnis dahinter, welche Lösungen gibt es?
Wenn das nicht reicht, ist eine neutrale dritte Person oft sinnvoll, etwa eine befreundete, nicht betroffene Person oder jemand mit Moderationserfahrung. Bei wiederkehrenden oder stark belastenden Konflikten kann externe Unterstützung die bessere Lösung sein.
Zu guter Letzt für den gereiften Jahrgang:
Die legendärste deutsche Künstler-WG
Villa Kunterbunt (auch Rondeel-Villa) in Hamburg-Winterhude war eine der wichtigsten Künstler-WGs Deutschlands. Sie entstand in den 1970er Jahren und galt als Geburtsstätte der Hamburger Szene.
Bekannte Bewohner der Villa Kunterbunt:
- Udo Lindenberg (Sänger, Komponist)
- Marius Müller-Westernhagen (Sänger, Rockmusiker)
- Otto Waalkes (Komiker, Autor)
- Willem (Wilken F. Dincklage, Musikverleger)
- Conny Plank (Musikproduzent)
- Gottfried Böttger (Künstler)
- Steffi Stephan (Künstler)
Die WG hatte zeitweise bis zu 14 Bewohner. In der Villa entstanden Musik, Texte, Bands (etwa die Rentnerband) und legendäre Figuren wie Rudi Ratlos (Lindenberg) oder Ottifanten (Waalkes).
Nebenthema:
Moderne Konzepte für Wohn- und Arbeitsgemeinschaften von Künstlern
Moderne Konzepte für Wohn- und Arbeitsgemeinschaften von Künstlern verbinden Wohnraum mit Atelier, ermöglichen Synergien und bleiben gleichzeitig individuell sichtbar.
Wohnen und Ausstellen: integrierte Konzepte
Eine moderne Variante verbindet Wohnen mit temporärem Ausstellen: Das Konzept „wohnen+/-ausstellen“ sieht eine Grauzone der Verschränkung vor, in der Wohnraum und Ausstellungsraum ineinandergreifen. Das ermöglicht Künstler:innen, ihren Alltag und ihre Präsentation zu verbinden.
Meeting-Points für Künstler
Neuartige Konzepte wie „Meeting-Points für Künstler“ schaffen Räume, in denen Künstler gemeinsam ausstellen, Synergien nutzen und doch individuell sichtbar bleiben. Diese Orte fokussieren auf Austausch, Zusammenarbeit und Präsentation, ohne feste Wohnformen vorzugeben.
Urban Nomads: mobile Mini-Behausungen
Ein innovatives Konzept sind Urban Nomads: mobile, moderne Minibehausungen, die eine Mischung aus Kunst, Architektur und Design darstellen. Sie ermöglichen flexible, nicht-stationäre Wohn- und Arbeitsformen, die oft improvisiert entstehen.
Künstler:innen. Orte. (Regionale Porträtreihe)
Ein Projekt wie „Künstler. Innen. Orte.“ untersucht, wie Künstler heute wohnen, leben und arbeiten. Es porträtiert Räumlichkeiten von Altbauwohnungen über Hinterhofateliers bis zu Atelierhäusern und zeigt regionale Unterschiede. Ein besonderer Fokus liegt auf Orten, Identitäten und dem Einfließen von Kultur in die Arbeit.
Typische Merkmale moderner Konzepte
- Kombination von Wohnraum und kreativem Arbeitsraum
- Möglichkeit zum gemeinsamen Ausstellen oder Präsentation
- Flexible, mobile oder temporäre Räumlichkeiten (z. B. mobile Mini-Behausungen)
- Fokus auf Austausch, Synergien und individuelle Sichtbarkeit
- Integration von Identität, Kultur und kreativen Praktiken in den Raum
Wohnen, Buddhismus und Kultur, ein Thema welches für ein Zoom-Gespräch vorgesehen ist.
Mit herzlichem Gruß
Stefan Lachmann
